Werkbund – der Bund des Menschen mit dem Werk

«Ich benütze gerne den Anlass, den Initianten für die im Jahre 1913 erfolgte Gründung des Schweizerischen Werkbundes ihre Bemühungen bestens zu verdanken, die seitherigen Leiter der Ins­ti­tution im Namen der Bundesbehörde und des Landes zu der sehr verdienstvollen Tätigkeit zu beglückwünschen, die sie entfaltet haben, und zugleich der Hoffnung Ausdruck zu geben, dass es ihren Bemühungen gelingen möge, ihre Bestrebungen zur Hebung der kunstgewerblichen Produktion des Landes mit Erfolg fortzusetzen und zum Wohl der Künstler und des Kunstgewerbes (…) noch weiter zu entwickeln und zu vertiefen. (…) Ich stehe nicht an, Ihnen die Zusicherung zu geben, dass Sie weiterhin auf die moralische und finanzielle Unterstützung des Bundes und speziell des Departements des Innern rechnen können.»

Bundesrat Etter, Chef des EDI, zur 25-Jahrfeier des SWB, 1938

Mit diesen Zeilen gratulierte Bundesrat Etter dem Schweizerischen Werkbund vor 71 Jahren zum 25-Jahre-Jubiläum. Ob wir in vier Jahren ein ähnliches Glückwunschschreiben aus dem Bundeshaus erhalten werden? Es ist zu bezweifeln, zumal uns Bundesrat Couchepin vor wenigen Monaten etwas weniger feierlich mitteilte, der Werkbund könne in Zukunft nicht mehr mit der finanziellen – und, mitgemeint, wohl auch mit der moralischen – Unterstützung des Bundes rechnen. Ob sein Nachfolger – Couchepin hat heute früh seinen Rücktritt bekanntgegeben –, ob dieser anders denken wird, bleibt abzuwarten.

Doch ich stehe nicht da, um zu klagen, sondern um Ihnen den Schweizerischen Werkbund vorzustellen – eine Organisa­tion, deren Gründer vor bald hundert Jahren ausgezogen waren, um gegen Qualitätszerfall der handwerklichen Güterpro­duktion anzutreten. Ihr Ziel, formuliert im zweiten Paragraphen der Gründungsstatuten: «Die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk durch Erziehung, Aufklärung und Stellungnahme zu künstlerisch und volkswirtschaftlich praktischen Fragen». Ein Bestreben, das damals offensichtlich sogar vom Bundesrat geschätzt und unterstützt wurde.

Mit ihren nördlichen Nachbarn, die sechs Jahre zuvor den deutschen Werkbund gegründet hatten, teilten die Mitglieder des Schweizerischen Werkbundes das Unbehagen über den Qualitätszerfall der handwerklichen Güterproduktion: Tradierte handwerk­liche Produktionsmethoden und diesen entsprechende Formgebungen drohten durch die fortschreitende Industrialisierung verdrängt zu werden, während die Maschinenproduktion selber noch keine Formgebung gefunden hatte, die den Bedürfnissen moderner Menschen zu genügen vermochte. Der Werkbund versuchte, durch die Verbesserung der Qualität handwerklicher Produkte aus diesem Dilemma auszubrechen, fokussierte sich angesichts der fortschreitenden und nicht mehr aufzuhaltenden Industrialisierung schließlich aber auf die Qualität industrieller Serienprodukte.

Während man sich im Werkbund anfänglich einig darüber gewesen war, die indus­trielle Produktion bedeute den Niedergang der Qualität, kämpften später nur noch die Werkbund-Handwerker dagegen an – die meisten SWB-Mitglieder hatten inzwischen zu einem anderen Verhältnis zur Industrie gefunden – nicht zuletzt deshalb, weil sie hofften, die neuen technologischen Möglichkeiten hätten eine Besserstellung der Arbeiterklasse zur Folge.

Bezüglich der geforderten Qualität von Produkten – unanhängig davon, wie sie hergestellt wurden – herrschte indes weiterhin Einigkeit, ebenso kämpften die Werkbundmitglieder noch immer gemeinsam an gegen Stil-Imitationen: Kritisiert wurde, die Industrie bediene sich der Methoden und Formgebungen des Kunsthandwerks – Methoden und Formen, die sich nicht eigneten für industrielle Fertigungsprozesse und folglich zu schlechter Qualität führten.

«Es ist sinnlos», konstatierte Richard Bühler an der Werkbund­tagung 1926 in Basel, «einem millionenfach erzeugten Objekte das Aussehen eines manuell hergestellten geben zu wollen. Der spezifische Reiz und Schönheitswert des vom Künstler oder Handwerker selbst gefertigten Stückes kann von der Maschine nicht erzeugt werden.»

Qualität hieß für den Werkbund nun nicht mehr kunsthandwerkliche Schönheit und Kostbarkeit, vielmehr wurden Kriterien formuliert, an denen sich sowohl handwerklich als auch industriell gefertigte Produkte messen ließen:

«Heute sind uns die Augen für die Reinheit und Schönheit der konstruktiven Lösungen aufgegangen, wie sie sich aus der Denk­arbeit des Ingenieurs ergeben», notierte Hermann Kienzle 1939. Dieser Reinheit und Schönheit entsprachen neue, maschinengerechte Formen – und diese genügten den neuen Werkbundkriterien. Die «gute Form» war geboren. Sie sollte 10 Jahre später zum Gegenstand einer Wanderausstellung werden und den Werkbund bis 1968 prägen: von 1952 bis 1968 zeichnete der SWB jährlich Produkte aus, die der «Guten Form» entsprachen – vom Suppenlöffel über die Tischleuchte bis zum Wohnzimmersessel, von der Steckdose bis zum Abwaschbecken.

Doch wir befinden uns noch in 1930er-Jahren. Dem Werkbund ging es keineswegs allein um die Form der Dinge, sondern ebenso um soziale Ziele: Es galt, die Lebensumstände der Arbeiterschicht zu verbessern, und so seien, heißt es in den «Werkbundgedanken» von Hermann Kienzle, die Dinge des täglichen Gebrauchs in den Mittelpunkt aller Anstrengungen zu stellen: «Einer möglichst breiten Schicht unseres Volkes dazu zu verhelfen, eine Wohnung den wirklichen, nicht den vermeintlichen Interessen entsprechend einzurichten, heißt Werkbundarbeit im eigentlichen fruchtbaren Sinne leisten.»

Die vormals gefürchtete moderne Industrie galt inzwischen als «Geschwister der modernen Demokratie», als «in ihrem eigentlichsten Wesen demokratisch», und so waren die Werkbundmitglieder nun dazu aufgerufen, mit der Industrie zusammenzu­arbeiten. Gefragt waren Standardtypen, war «die Herstellung einer theoretisch unbeschränkten Zahl genau gleicher Stücke». Diese Massenproduktion, so betonte der SWB, sei überlebenswichtig für das Land, müsse die Exportindustrie doch durch die formale Qualität ihrer Produkte überzeugen, um auf dem Weltmarkt bestehen zu können.

Die junge Liebe des Werkbunds zur Industrie blieb jedoch eine einseitige: Werkbundmitglieder entwickelten zwar Proto­typen, hielten aber an ihren formalen Vorstellungen fest, an ihren Idealen, derweil die Industrie beklagte, sie sei Sklave des Publikums, des Käufers, der Ware; der Fabrikant müsse verdienen, das investierte Kapital sei zu verzinsen, die Beschäftigten wollten entlöhnt werden – kurz: man müsse Waren produzieren, die verkäuflich seien.

Verkäuflich waren die neuen guten Formen offenbar nicht, wozu freilich auch der Zwischenhandel beitrug, wie einem 1930 im «Werk» publizierten Leserbrief zu entnehmen ist: «Es ist das ewige Thema: die einfachen Möbel, für die sich der SWB und für die sich alle modernen Architekten einsetzen, sind nirgends zu haben…»

Ein Jahr später waren die modernen Möbel zumindest in der von den Werkbundmitgliedern Werner Max Moser, Sigfried Giedion und Rudolf Graber gegründeten Wohnbedarf AG in Zürich zu erwerben, in der ersten Produktions- und Verkaufsstelle für zeitgemäßen Ausstellungsbedarf. Die breiten Massen vermochten sich für die modernen Möbel freilich noch immer nicht zu begeistern, daran änderte auch die mehrstufige SWB-Kampagne zur Durchsetzung des Neuen Bauens und Wohnens nicht, die 1936 im Zürcher Doldertal mit der Realisierung zweier Werkbund-Wohnhäuser ein Ende fand.

Leider bloß eine «Kolonie der Bekehrten» geblieben sei auch die zwischen 1930 und 1932 gebaute Werkbundsiedlung «Neubühl» in Zürich, bedauerte Hans Finsler, 1. Vorsitzender des SWB von 1946 bis 1955 in seiner Abschiedsrede, wiewohl ebendiese Siedlung ein weiterer Schritt dargestellt habe hin zur Einheit von Mensch und Haus.

Für ein berühmtes Werkbundmitglied begann in der Siedlung Neubühl und mit der Wohnbedarf AG übrigens eine große Karriere: Max Bill, 23-jährig und soeben SWB-Mitglied geworden, richtete in der Siedlung Neubühl zwei Musterwohnungen ein und gestaltete sowohl für die neue Werkbundsiedlung als auch für die Wohnbedarf AG sämtliche Werbemittel.

Auch im Bereich der Fabrika­tion gelang es den Werkbundmitgliedern trotz aller Schwierigkeiten, Partner zu finden. Zu diesen gehörte die 1904 gegründete Eisen- und Metall-Bettenfabrik Rüti – die Embru. Sie produzierte ab den Dreißigerjahren moderne Stahlrohr­möbel und pflegte die Zusammenarbeit mit Designern und Architekten von Marcel Breuer bis Werner Max Moser; damals entstanden auch die ersten höhenverstellbaren Schultische.

Gerne lege ich Ihnen an dieser Stelle den Besuch des kleinen, aber feinen Embru-Museums nahe, Sie werden dort Bekanntes und Unbekanntes, Überraschendes entdecken. Von 1952 bis 1968 genoss der Werkbund mit den jährlich verliehenen Auszeichnungen «Die gute Form» große Aufmerksamkeit. Hans Finsler erinnerte sich in seiner Abschiedsrede daran, im Frühling jeweils seine Unterschrift unter 250 Auszeichnungen der guten Form gesetzt haben zu müssen, auch wenn er die guten Formen gar nicht gesehen habe. «Im Herbst», schreibt Finsler «musste ich jedes Jahr verkünden, dass die erste oder zweite Auflage des Warenkataloges demnächst erscheinen würde, und dazwischen musste ich für diese oder jene Gelegenheit eine neue Variation der Bedeutung der Werkbundidee finden, obwohl ich mit dieser Idee nicht immer ganz einverstanden war. Andere durften vor einer Versammlung noch rasch überlegen, was sie am Werkbund aussetzen könnten. Sie durfen den Warenkatalog reif finden für ein Altersmuseum, die Aktion der guten Form reif zum Abbruch und den Werkbund reif zur Auflösung und zur Neugründung.» Dies alles habe er nicht gedurft, denn schließlich seien der Zentralvorstand und die Geschäftsstelle «die Schuldigen an den Missständen» gewesen.

Finsler trat 1955 als 1. Vorsitzender zurück, die «Gute Form» aber war offenbar erst viel später reif für den Abbruch: Sie sei, wurde 1973 im SWB-Journal notiert, in ihrer während 16 Jahren an der Muba entwickelten Art Ende der sechziger Jahre «sanft entschlafen», und damit sei «zwangsläufig auch eine echte Dienstleistung des Werkbundes für die Gesellschaft» eingestellt worden. «Mit dieser abschließenden Trennung», heißt es weiter, trete der Werkbund in eine neue Phase, «und zwar in Richtung der inzwischen entwickelten These des ‹humanen Lebensraumes›».

Vorangegangen war dieser Phase eine vom Geist der 68er geprägte Werkbundtagung, auch als «Küsnachter Konzil» bezeichnet, in deren Folge der Werkbund neue Statuten erhalten sollte. Für eine jüngere Generation von SWB-Mitgliedern ging es damals um Sein oder Nichtsein, ein «Werk»-Artikel über ihre Forderungen trug den Titel «To be or not to be». Peter Steiger, damaliger 1. Vorsitzender, vermochte das Not-to-be abzuwenden, indem er den Aufständigen entgegenhielt, der Werkbund habe noch immer Kredit und Ziele, er bedürfe lediglich einer neuen Satzung. In dieser war nun – anders als noch 1965 – nicht mehr die Rede davon, Ziel und Aufgabe des Werkbundes sei «die Gestaltung der Umwelt: die Siedlung, die Wohnung, das Gerät, das Bild», Ziel und Aufgabe des SWB war nun «die Gestaltung der Umwelt in ihrer Gesamtheit», und erreicht werden sollte dieses Ziel durch «Zusammenschluss schöpferischer und interessierter Menschen, durch Aufklärung, Kritik, Erziehung und Schulung, durch Erforschung der Bedürfnisse des einzelnen und der Gesellschaft».

Heute heißt es in besagtem Artikel 2 der Werkbund-Statuten: «Der SWB thematisiert und unterstützt den Beitrag der Gestaltung für die Entwicklung der Gesellschaft. Er wirkt kulturfördernd und kulturpolitisch.» In den letzten 40 Jahren also erweiterte der Werkbund seinen Fokus über den konkreten Gegenstand hinaus, bezog die Umwelt mit ein, die Gesellschaft – und verabschiedete nicht nur die «Gute Form», sondern auch die Absicht, seine Ziele durch Aufklärung, Erziehung und Schulung zu erreichen.

Heute versteht sich der Schweizerische Werkbund als «Ort der Debatte über gestalterische Fragen». Werkbunddebatten, ist auf der SWB-Website zu lesen «sind interdisziplinär, engagiert und nehmen Bezug auf die kulturelle, technische und soziale Entwicklung der Gegenwart». Geführt werden sie einerseits an nationalen Veranstaltungen, namentlich am jährlich stattfindenden «Werkbundtag» und an einem Workshoptag für alle Vorstandsmitglieder der Ortsgruppen, anderseits – und vor allem – in den acht Ortsgruppen, die jährlich einen bunten Strauß von Veranstaltungen präsentieren, seien dies Atelierbesuche, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Besichtigungen und Führungen – oder sogar SWB-Reisen bis nach China oder Marokko.

Obschon «Aufklärung, Erziehung und Schulung» aus den Zielsetzungen des Werkbundes verschwunden sind, engagiert sich der Werkbund im Bildungsbereich. So ist der SWB seit Jahren «Pate» der höheren Fachschule für Farbgestaltung «Haus der Farbe» und hat gemeinsam mit dem Haus der Farbe und verschiedenen Berufsverbänden die Höhere Berufsprüfung «Gestaltung im Handwerk» entwickelt, die im nächsten Jahr erstmals durchgeführt wird. Derzeit absolvieren 10 Handwerkerinnen und Handwerker den ersten Lehrgang.

Die Gründerväter des Werkbundes würden sich über diese engagierten und auf ihr Handwerk stolzen jungen Berufsleute freuen und sähen ihr Ziel, die gewerbliche und industrielle Arbeit «künstlerisch zu veredeln» – oder, wie es später hieß, deren «qualitative Hebung» – verwirklicht. Auch über die verschiedenen Werkbundpreise, die seit letztem Jahr vergeben werden mit dem Ziel, am Anfang ihrer Karriere stehende Gestalterinnen und Gestalter zu fördern, auch darüber würden sich die «Ur-Werkbündler» freuen.

Mit dem «Werkbund Designpreis @ Embru» schlagen wir den Bogen zurück – und nach vorne – zum «Ding», zu dessen Gestalt, zur Form. Und zum Menschen. Lassen Sie mich deshalb mit den Worten Hans Finslers schließen: «Nicht die Form der Dinge allein, sondern die Beziehung der Dinge zu den Menschen und die Beziehungen der Menschen zu den Dingen gehören zu den Aufgaben des Werkbunds, des Bundes der Menschen mit dem Werk.»

Iwan Raschle, 12. Juni 2009