Letzten Sommer in Rheineck

Wenn das Fernsehen kommt

Von Iwan Raschle (Text) und Hans-Peter Jost (Bilder)

Zwischen dem 1. Juli und dem 5. August zieht das Schweizer Fernsehen wieder mit "dem kleinsten Studio der Welt", dem Donnschtig-Jass-Postauto, durchs Land und sorgt selbst dort fuer ausgelassene Feststimmung, wo sich die Bevoelkerung nur selten an den Biertisch setzt. Wenn die Jass-Lokalmatadore im gelben Studiobus ihren Differenzler klopfen, geht es nicht nur ums Gewinnen - die Ehre des Dorfes steht auf dem Spiel. Schliesslich ist der Besuch des Fernsehens ein Grossereignis, das dem Verkehrsverein als Werbetraeger und der Bevoelkerung als Ventil dient. Bier fliesst vor und nach dem Spiel in Stroemen, und es darf einmal mitten in der Woche auf den Tisch gestanden und in die Nacht hinaus gebruellt werden. Zwoelf Gemeinden bereiten sich derzeit auf das Fest vor, das im Juli oder August bei ihnen stattfinden koennte - erst eine Woche vor dem Anlass werden sie wissen, ob das Spiel um den Austragungsort mit einem Sieg oder einer Niederlage geendet haben wird. Hinter sich haben das ganze Spektakel die Jasser aus Rheineck: bei ihnen war das Fernsehen im letzten Sommer zu Gast. Wir haben uns vor, waehrend und nach dem grossen Tag in der sankt-gallischen Ortschaft umgesehen.

Grau in grau liegt Rheineck in der dampfenden Morgenlandschaft. Der Alte Rhein ruht trueb in seinem Bett. Am Himmel ziehen schwere dunkle Wolken gen Osten, derweil die ersten Lastwagen durchs Dorf brummen. Alltag in einer verkehrsgeplagten Ortschaft, die an einer stark befahrenen Hauptstrasse klebt und seit dreissig Jahren vergeblich davon traeumt, das Dorfleben vom Durchgangsverkehr befreien zu koennen.

Wo die appenzellische Berglehne einen scharfen Bogen nach Westen beschreibt, liegt das kleine Staedtchen; bis zur Zaehmung des Flusses war es ein bedeutender Handelsplatz der Achse Bodensee-Buendnerland-Lombardei, dem die Habsburger gar besondere Rechte zugestanden. Seit ueber neunzig Jahren aber ist die Gemeinde nicht mehr das "Eck am Rhein", und der Fluss, vom nahen Dorf durch Bahnlinie und Autobahn getrennt, ist zur schieren Bedeutungslosigkeit verdammt. Obschon die Rheinecker, wie ein Schild am verlassenen Ufer bezeugt, "Sorge zu ihm tragen", ihn hegen und pflegen und als Aushaengeschild benutzen. Doch wie der Rhein hat auch das Dorf seine alte Groesse eingebuesst. Von einstigem Ruhm zeugen zwar das Rathaus mit Stufengiebeldach und das Gebaeude zum Loewenhof; die im Dorfprospekt gepriesenen "heimeligen Reize des Geborgenseins" wollen sich beim Flanieren zwischen geparkten und vorbeibrausenden Autos aber nicht so recht zeigen. "Wir sind keine Insel. Rheineck ist keine heile Welt mehr", heisst es im Dorf nuechtern. Die Entwicklung sei stehengeblieben, weil es an Boden gefehlt habe, und heute orientiere sich ohnehin die ganze Region nach St. Gallen oder St. Margrethen. Immer mehr Neuzuzueger arbeiten in den nahen Zentren, was die Industrie schrumpfen liess und das Dorf nicht eben belebte. Auch der einst bluehende Handel beklagt heute das Laedelisterben. Obschon es im Prospekt noch immer heisst, die Rheinecker Ladengeschaefte seien "geradezu attraktiv". Aber verzagen hilft nicht weiter, und so trachten die Rheinecker seit einiger Zeit danach, das Image ihres Staedtchens aufzupolieren, die Lichter in der Schlafgemeinde wieder anzuzuenden, zumindest aber den Tourismus anzukurbeln. Schliesslich besitzt der Ort mit seinen 3500 Einwohnern beinahe 50 Vereine, ein Pub mit Goldspiegeln und Dauermusikberieselung, einige Gasthoefe und ein Hotel. Das Bettenangebot wuerde einem allfaelligen Touristenansturm allerdings kaum genuegen, was die Rheinecker bedauern. Aber sie wollten doch lieber erst schauen, ob sich der Ansturm auch wirklich einstelle, heisst es zumindest am Stammtisch. An einen durchschlagenden Erfolg der Wiederbelebungsversuche scheinen die Einheimischen selbst nicht so recht zu glauben.

Wo Gemeinden um den Anschluss an den feudalen Zug der Zeit bangen, ist das Fernsehen zuweilen Retter in der Not. Wenn die Sonne auf die Daecher brennt, die Luft flimmert und die meisten Familien irgendwo im Ausland Sandburgen bauen, dann verlassen die Fernsehleute - "die vo Zueri" - ihre klimatisierten Studios am Ufer des Leutschenbachs, um waehrend sechs Wochen den Puls des real existierenden Volkes zu fuehlen, um nicht selten laengst zerstrittene Gemeinden, Buergerinnen und Buerger, zusammenzufuehren und ihnen zu zeigen, was Beziehungen ueber alle Grenzen hinweg kittet: das Kartenspiel, "en bodeschtaendige Jass". Volkstuemliche Direktsendungen erhalten nicht nur das helvetische Lied- und Spielgut am Leben, sondern verhelfen den Gastgemeinden auch zu betraechtlichen Einschaltquoten und - wenn die Selbstdarstellung ueberzeugt - zu einer besseren Auslastung der Hotelbetten. Wenn das kernige "Luegid vo Baerg und Tal" auf dem Bahnhofplatz der Gemeinde Hinterwil erschallt und per Antenne oder Kabel die ganze Schweiz ergreift, wird es dem zuschauenden Volk warm ums Herz. Ferien in der Schweiz, denkt der Innerschweizer im Schweizer, eine Woche in genau dieser Idylle, das waere doch eine Alternative zum algenverseuchten Sandstrand in Rimini.

Die Idee, dergestalt an die OEffentlichkeit zu treten, hatten die Rheinecker vor fuenf Jahren: "Wir haben ein ideales Bahnhofgelaende, viele Vereine und jassen gerne", erinnert sich der Rheinecker Gewerbetreibende Roman Humbel. So bewarben sich die jassfreudigen Ostschweizer beim Schweizer Fernsehen als Austragungsort der sommerlichen Jass-Direktsendung, ganz dem Ziel verpflichtet, nichts zu unterlassen, was den matten Glanz des Dorfes aufpolieren koennte. Nach vier langen Jahren schliesslich konnten die Rheinecker im letzten Sommer aufatmen. Die Vorausscheidungen, das intensive Training und die generalstabsmaessige Planung hatten sich gelohnt. Im August 1992, nach einem glorreichen Sieg am Ballenberg, stand fest: Rheineck wird Austragungsort der zweitletzten Jass-Sendung der Saison 1992 und kann sich in einem Dreiminutenportraet der ganzen uebrigen Schweiz vorstellen.

Endlich ist es soweit - der Donnschtig-Jass beginnt, und die ganze vor dem Fernsehgeraet versammelte Schweiz schaut zu. Die ersten drei Flaschen Bier sind unter sengender Sonne laengst dem Durst geopfert worden, als Caroline, die Stimme aus Klibys Bauch, das jassfreudige Volk im sankt-gallischen Rheineck zum gemeinsamen Spiel begruesst. Was fuer die einen plumpes Spruecheklopfen, ist fuer die anderen "bodeschtaendigi Choscht", echter einheimischer Humor eben: Der Kliby ist einer von uns. Auch in Rheineck war der Bauchredner aus dem Thurgau schon 1991 zu Gast: Da moderierte er witzelnd die Festgemeinde durch das offizielle Festprogramm der 700-Jahr-Feier.

UEbung macht den Meister, selbst volksnahe Munterkeit will einstudiert sein. Stunden, ja Tage vor dem eigentlichen Donnschtig-Jass beginnt, was waehrend sechzig Minuten ueber helvetische Mattscheiben flimmert. Klibys Begruessungsworte zum Beispiel werden in Redaktionssitzungen besprochen und waehrend der Hauptprobe einem ersten Probeapplaus ausgesetzt - nicht nur, um die Platzbeschallung einzupegeln. Jetzt, eine Minute nach acht Uhr abends, steht er, der Jass-Liebling der Nation (beziehungsweise der Liebling der Jass-Nation) im Wohnzimmer des Rheinecker Schulhausabwartes, hoch ueber dem Jass-Postauto, und gruesst die Nachbargemeinden in Deutschland und OEsterreich: Freundnachbarschaftliche Verhaeltnisse dominieren hier, nicht Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt. Rheineck zeigt sich an diesem Donnerstag von seiner besten Seite. Begonnen hat die Idylle aber bereits zwoelf Stunden vor Sendebeginn, als das blassgruene Haus an der Rheinecker Kugelwiese den Blumenschmuck aus der nicht dem Fernsehen ausgesetzten Nachbarschaft umgehaengt bekam. Morgen ist ein anderer Tag, da sollen die Blumen wieder in der Hauptstrasse haengen und dort die Touristen zum Verweilen einladen. Heute aber liegt das Zentrum der Schweiz an der Kugelwiese, und da kann doch diese so oede Hausfassade nicht unbekleidet, ungeschmueckt dastehen. Es reicht schon, dass sich der Schulhausabwart anfaenglich geweigert hat, die Toiletten freizugeben, und dass waehrend der Fernsehsendung drei grosse Fenster des Schulhauses geschlossen sind. Dabei seien die Menschen in Rheineck keineswegs verschlossen, sagt Peter Stubbe, Praesident des hiesigen Fussballklubs, "aber verhalten". Das Festen liege den Einheimischen nicht besonders, und Sommernachtsfeste haetten noch gar nie stattgefunden: "Das ist nur, weil das Fernsehen hier ist." Sanft widerspricht ihm Roman Humbel, Praesident des Organisationskomitees: "Doch, doch, Feste kennen wir hier schon." Auch grosse: Den 700. Geburtstag der Eidgenossenschaft haetten die Einheimischen zuenftig gefeiert, vor sechzehn Jahren sei der 700. Geburtstag des Staedtchens begossen worden, und fuer 1996 sei der naechste Grossanlass geplant. Und jetzt ist sogar das Fernsehen hier. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! So leuchtet denn der ausgeliehene Blumenschmuck, den die Vereine nicht bezahlen wollen, weil das den Gewinn doch erheblich schmaelern wuerde, von jenem Teil der Hausfassade, den Kamera 3 waehrend der Sendung einige Sekunden lang streifen soll.

Ein einig Volk von Jassern sind sie an diesem Abend, die Rheinecker: Zusammenhalten gegen das Fremde heisst es, wenn es um die Wurst geht. Trotz freundnachbarschaftlichen Beziehungen und dem herzlichen "Grueezi mitenand" des sympathischen Bauchredners an die Adresse derer, die drueben sind. Aber Jass ist Jass, "und da hat", meint der Rheinecker Jass-Delegierte Kruesi, "ein Auslaender einfach nichts zu suchen - wenn Sie mich fragen". Und die Rheinecker sind an diesem Abend gefragt. Schliesslich ist es ihre Sendung, haben sie dank einem hervorragend geklopften Jass die Auswahlrunde gewonnen und so die Gelegenheit erhalten, exakt drei Minuten lang fuer ihre Gemeinde zu werben. Nur: gepunktet oder - auf den Differenzler gemuenzt - nicht gepunktet haben in der Vorausscheidung die Auslaender, ein OEsterreicher und einer aus dem (zumindest auf der Wetterkarte) der Schweiz zugerechneten Gebiet, dem "Laendle". Sie waren es, die der Gemeinde das Fernsehen ins Haus gebracht haben und sich nun auf den geernteten Lorbeeren nicht ausruhen duerfen: Kurz vor der Sendung haben sich die Rheinecker aufs Vaterland berufen und die Jass-Soeldner in Pension geschickt, mit der Bitte, doch freiwillig auf eine Teilnahme zu verzichten.

Unter Schweizern wird heute also gejasst. Und das soll auch an kuenftigen Abenden so sein. Nach der Rheinecker UEberraschung - das Fernsehen sollte erst kurz vor der Sendung von der Rheinecker Rueckbesinnung auf die vaterlaendische Tradition erfahren ("Ach so, Sie spielen anstelle des vorgesehenen Kandidaten") - will das Fernsehen nun klare Verhaeltnisse schaffen und nur noch Einheimische zum beliebten Fernsehspiel zulassen. Womit kuenftige Auseinandersetzungen wohl ausgeraeumt sind, die Jass-Gemeinde Heerbrugg aber keineswegs beruhigt ist: Sie war es, die den Rheineckern eine Woche lang das Leben schwergemacht hat. Als Mitbewerber um den Austragungsort haben die Heerbrugger die fuer sie (jass)geschichtstraechtige Niederlage am Ballenberg, von wo aus die Schlacht am gruenen Tisch in die ganze Schweiz ausgestrahlt wurde, trotz Klibys Zuspruch, es sei "doch nur ein Spiel", nicht verkraften koennen und alsdann die Nachbargemeinde des Landesspielverrats bezichtigt. Ohne die Auslaender, so der Heerbrugger Volkstenor, haetten die das nie geschafft. Nie. Trotz solchen Ungereimtheiten wirkt die Jass-Sendung in den Augen der Fernsehleute verbindend. Begeistert erzaehlt Redaktor Andre-Pierre Mueller von den zerstrittenen Gemeinden Unter- und Oberstammheim, die dank dem Fernsehjass wieder zusammengefunden haetten. Natuerlich gebe es auch immer wieder Gemeinden, die sich mit der Niederlage im Spiel nicht abfinden koennen. So weiss Mueller von einem Gemeindepraesidenten zu berichten, der nach der Sendung weinend am Biertisch gesessen habe, den Kopf in den Armen vergraben. "Darum muntere ich die Leute stets auf", sagt der erfahrene Jass-Redaktor. Ein verlorener Jass sei schliesslich kein Unglueck. Oder, wie etwa fuer die Heerbrugger, nur ein kleines. Eines, das Gelegenheit bietet, wieder einmal tuechtig ueber die Nachbarn herzuziehen. Das Fernsehen verbindet die Gemeinden. Mitunter auch im Streit.

Die Live-Sendung geht ihrem Ende zu. "Muesch nur hene doere laufe, denn gseht mer di, wenns schwaetzed", bedraengt eine Zuschauerin ihren Gatten nun schon zum fuenftenmal. Was kuemmern sie denn die Vorschriften des Fernsehens ("draengt euch nicht vor die Kamera, das ist nicht lustig") - ihr Mann haette doch auch einen Live-Auftritt verdient. Doch er, traege und an irgendeiner Bildschirmpraesenz offensichtlich nicht im geringsten interessiert, bleibt stehen und betrachtet das Ganze von weitem. Wenige Minuten nach der fuenften Aufforderung seiner Frau ist die Chance denn auch endgueltig vertan. Klibys Abschiedsliedchen ist verklungen, das Sponsoring-Signet des gelben Riesen ausgeblendet und der Jass geklopft. Ende der Vorstellung. Das Abraeumen beginnt. Innert kuerzester Zeit haben die Handwerker des Fernsehens weggestellt, was nicht gefahrlos bis zum naechsten Morgen draussen bleiben kann.

Jetzt geht das Fest erst richtig los: Das rassige Gruentalsextett schmettert gleich nach neun Uhr "ein Prosit der Gemuetlichkeit" in die Runde. Und um halb elf stehen sie ploetzlich alle auf den Tischen, die angeblich nicht festfreudigen Rheinecker, und bruellen in die laue Sommernacht: "So ein Tag, so wunderschoen wie heute, so ein Tag, der duerfte nie vergehn." Wieder auf den Baenken der Realitaet zurueck, entschuldigt sich die ausgeflippte Festgemeinde sogleich mit der Strophe: "Schoen muss es nicht sein, aber laut muss es sein." Einmal im Jahr durchs Tal, ueber die Grenze zu bruellen, das tut gut. Schliesslich hat die ganze, dem Vaterland doch so verbundene Gemeinde auf die Erst-August-Feier verzichtet und die Festfreude fuers Fernsehen aufgespart. "Wir haben grossen Durst, und der Durst wird immer mehr", groelt es - vom Donnschtig-Jass spricht keiner mehr. Dafuer kommt endlich das Tanzbein in Schwung. "Wir leben ja nur ein einziges Mal", singen die Gruentaler. Und die Rheinecker wissen: Das Fernsehen kommt so schnell nicht wieder, also wird das naechste Sommernachtsfest erst 1996 stattfinden.

Sechs Stunden spaeter ist in Rheineck alles wieder wie vor dem Fernsehfest. Der Blumenschmuck ist abgehaengt, und auf den schmalen Trottoirs der Hauptstrasse draengen sich die ersten Passanten. Einige Stunden lang heile Welt waren es nur, und auch von diesen will die alte Frau, die am Morgen nach der Sendung ihre Blumen vor dem Haus giesst, nichts wissen. Doch, doch, die Rheinecker seien verschlossen, ein eigenes Volk eben, stuetzt sie die Aussage des Fussballklub-Praesidenten. Aber das liege auch an der Gegend: "Wissen Sie, wir Ostschweizer sind eine Spezialanfertigung des Herrgotts." Aus der Nachbargemeinde Thal stammend, ist die weitgereiste Frau schliesslich in Rheineck gelandet, wo sie sich auch heute noch nicht richtig wohl fuehlen mag. Ja, sie habe in allen Erdteilen der Welt gelebt, aber wenn sie hier Herzlichkeit erfahren wolle, dann gehe sie eben "nach drueben", ins oesterreichische Geissau: "Dort bin ich kuerzlich nach dem Gottesdienst von wildfremden Menschen zu Kaffee und Kuchen eingeladen worden." Die Rheinecker seien zumeist Zuzueger, da gebe es keinen Zusammenhalt, und das aendere auch ein Dorffest wie dieses nicht.

Ein Gluecksfall sei es gewesen, dass der Donnschtig-Jass in Rheineck ausgetragen worden sei, meint der Rheinecker Lokalhistoriker Heinrich Custer. Aber ein Touristenstrom sei allein dieses Festes wegen kaum zu erwarten, weil sich die historisch gewachsenen Gegebenheiten nicht verfluechtigten wie Bier in der Sommerhitze. Rheineck habe keine Festkultur, denn im Staedtchen sei auch vor hundert Jahren nicht gefeiert worden wie andernorts. So konnte Custer, als er vor Jahren gebeten wurde, in den UEberlieferungen plausible Gruende fuer eine eigene Fasnacht zu suchen, bloss erklaeren, dass Rheineck, ein Untertanengebiet, in dem alles verboten war, nie eine mit andern Orten vergleichbare Fasnacht gekannt habe. "Die Leute waren einfach zu arm", erzaehlt der pensionierte Historiker. "Zwar pflegten sie ihren Buergertrunk, auch ueber den Durst hinaus, aber Festkultur kannten sie nicht." Schon einmal, in den fuenfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, haetten sie es nach St. Galler Vorbild mit Kinderfesten versucht, aber nach einiger Zeit wieder aufgegeben, "weil die Verhaeltnisse hier nicht mit jenen von St. Gallen vergleichbar waren".

Zur Verschlossenheit der Bevoelkerung beigetragen hat nach Heinrich Custer aber auch die geographische Lage, die einst strategisch so bewusst gewaehlte: Eingeklemmt zwischen Berg und Fluss, waren die Rheinecker beidseits gegen boese Feinde abgeschirmt. Heute aber wird der ehedem so ideale Flecken immer mehr zur Enge, zur inneren auch.

Das Gespraech ist es, was der alte Rheinecker Heinrich Custer im Dorf vermisst. Ein Gespraech ueber Alters- und andere Grenzen hinweg, das Ziehen am gemeinsamen Strick. Heute gebe es im Dorf klar zwei Klassen: die Vornehmen und die einfachen Handwerker. Letztere treffe man abends am Stammtisch, waehrend sich die "Besseren" vom Dorfleben "separiert" haetten. Weil das Gemeinschaftsgefuehl trotz den fast 50 Vereinen im Dorf fehle, blieben auch die Probleme, der laestige Verkehrsknoten zum Beispiel, ungeloest. "Seit Jahren schnorren sie darum herum", kritisiert Custer, "unternommen wird aber nichts." Erst heute, da sich das dem schoenen Jugendstilbahnhof als Fundament dienende (aufgefuellte) Flussbett des Rheins zu senken beginne und damit ein Stueck Dorf zu verfallen drohe, erst jetzt beginne sich im Dorf etwas zu bewegen: Soll nun der Bahnhof fuer ueber eine Million Franken saniert oder zuerst die neue Strasse gebaut werden, die unter ebendiesem einsturzgefaehrdeten Bauwerk durchfuehren soll?

Rheineck, das sagen selbst ueberzeugte Donnschtig-Jasser, "ist keine heile Welt". Auch hier "hat das Buergersein nicht mehr denselben Stellenwert wie frueher, wird es allzuoft mit einer Vereinsmitgliedschaft verglichen", sagt Custer. Und betont, die Strategie Fernsehen koenne gerade deshalb nicht zum erhofften Erfolg fuehren. Schliesslich sei es wie bei den Restaurants: Ab und zu komme "so en Zuerisiech" daher und behaupte, ein Patentrezept gegen das "Beizensterben" in der Tasche zu haben. Nach einem Jahr dann, wenn sich das Kapital verfluechtigt habe und der Erfolg noch immer auf sich warten lasse, verschwaenden sie wieder, die Rheinecker in ihrer Enge zuruecklassend.

Neue Zürcher Zeitung, 1993