Zum Lehrmittel «Phänomenal» des Schulverlags
Zuckende Blitze, rollende Donner, schillernde Regenbogen. Sie lassen uns immer wieder erstaunt innehalten. Zum Himmel blicken. Und fragen: Wie funktioniert, was die Dunkelheit zerreisst und kurz darauf die Erde erzittern lässt, weshalb überspannen, wenn es regnet, plötzlich Farben den Horizont - und was geschah eigentlich neulich, als abends um neun die Sicherung durchbrannte? Fragen über Fragen. Und Antworten, gewiss: Auf den Blitz folgt der Donner, die schillernden Farben überm Horizont sehen wir deshalb, weil Sonne und Regen aufeinander treffen, und die Sicherung brannte neulich wohl deshalb durch, weil das Stromnetz überlastet war. Banale Antworten. Aber sind sie richtig, sind sie ausführlich genug? Und sind es banale Antworten auf ebensolche Fragen? Mitnichten. Wer weiss schon wirklich zu erklären, wie ein Regenbogen zustande kommt, wer weiss um das Zusammenspiel von Blitz und Donner - und wer kann erklären, weshalb abends um neun plötzlich eine Sicherung durchbrennt, geschweige denn, wie eine solche funktioniert?
Der Regenbogen ist ein Regenbogen, die Sicherung eine Sicherung. Mehr, wirklich mehr wissen wir kaum über diese Erscheinungen, über manch alltägliches technisches Detail. Obschon sie uns, zugegeben, immer noch und immer wieder faszinieren. Gerade all jene Erscheinungen, die wir als (Natur-)Phänomene bezeichnen. Und die wir wohl erst aufgrund bohrender Kinderfragen wirklich zu verstehen, zu erklären versuchen. Nicht immer erfolgreich, ist zu vermuten.
Kinder beschäftigt, was sie umgibt, was sie betrifft, berührt. Zum Beispiel Blitz und Donner, zum Beispiel der Regenbogen. Die Natur, der Mensch, die Materie. Phänomene, die zu ergründen nicht nur den EItern übertragen ist, sondern ebenso der Schule. Wie aber sollen solche letztlich überaus komplexen Sachverhalte einer Fünftklässlerin, einem Fünftklässler erklärt werden, wenn keine Formeln zur Verfügung stehen, wenn die gebotene Reduktion kaum Definitionen zulässt, über die eine Wissenschafterin oder ein Wissenschafter nicht den Kopf schütteln würde? So einfach, argumentierten diese wohl angesichts manchen Erklärungsversuchs, verhalte sich das natürlich nicht. Ganz so schwierig zu begreifen, liesse sich ihnen entgegnen, ist manches nicht, was Erwachsene allein mit Formeln zu erklären wissen. Schwierig hingegen ist es zweifellos, solch komplexe Sachverhalte einer Fünftklässlerin, einem Fünftklässler zu schildern.
Christoph Schwengeler und Urs Wagner, beide Dozenten am Sekundarlehramt Bern und erfahrene Lehrmittelautoren, haben sich auf dieses schwierige Unterfangen eingelassen. Und legen mit «Phänomenal - Naturbegegnung, Energie - Materie» ein Lehrmittel für die Mittelstufe vor, das den Schülerinnen und Schülern eigentlich am besten mit nach Hause gegeben würde, weil es bestimmt die Aufmerksamkeit der ganzen Familie auf sich zöge: Es thematisiert eine ganze Reihe von Phänomenen, angefangen bei Blitz und Donner über Sternschnuppen bis hin zur durchgebrannten Sicherung. Und es erklärt deren mathematisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund auf eine verständliche und oftmals auch witzig-verspielte Weise. Vor allem aber holen die beiden Autoren die Schülerinnen und Schüler in ihrem Alltag, in ihrer Erfahrungs- und Erlebniswelt ab. «Kinder können sich schon früh mit einfachen naturwissenschaftlichen Themen auseinander setzen», ist Christoph Schwengeler überzeugt, wichtig sei aber, sie «die Welt mit ihren eigenen Bausteinen bauen zu lassen». Und die kindliche Neugierde, ihr (Erwachsenen bisweilen lästiges) Warum wachzuhalten. Eine fragende, entdeckungslustige Haltung, die in der Schule oftmals «einzuschlafen» drohe oder aber begraben werde durch den «Wust des Auswendigzulernenden», sagt Urs Wagner. So wie er mit seinen eigenen Kindern einem Regenbogen nachfährt, um sie selber eine Antwort darauf finden zu lassen, wo das schillernde Phänomen wohl seinen Ursprung und sein Ende haben könnte, so richtet er zusammen mit seinem Kollegen Christoph Schwengeler auch im NMM-Lehrmittel den Fokus auf das kindliche Interesse. «Einen bunten Strauss von Phänomenen» wollten sie den Schülerinnen und Schülern präsentieren, betonen beide - Phänomene, die von den Kindern selbst beobachtet werden können. Nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln oder auf einem Dia, sondern draussen, wo das Leben spielt, in der Natur. Und dies eingebettet in (didaktische) Strukturen, die es Kindern ermöglichen, ja, die sie dazu anregen, eigenständig weitere Phänomene zu entdecken, sie zu ergründen.
Damit ihnen dieses ergründende Entdecken auch gelingt, finden Schülerinnen und Schüler sinnigerweise in der Mitte des Themenheftes so genannte Tools; sie lernen anhand illustrativer und vor allem anregender Beispiele, etwas zu beobachten, eine Sammlung anzulegen, und es wird ihnen gezeigt, wie experimentiert, mit Modellen gearbeitet und das Beobachtete schliesslich protokolliert wird. Mit dem notwendigen Rüstzeug versehen, können sich die kleinen Wissenschafterinnen und Wissenschafter auf den Lernparcours begeben, zusammen mit der Lehrperson und der Klasse - oder auch allein, vom ureigenen Interesse und der im Unterricht geweckten Entdeckungslust getrieben. Zum Beispiel zu Hause am Küchentisch. Damit dies möglich ist, haben Christoph Schwengeler und Urs Wagner darauf geachtet, die meisten Experimente so aufzubauen, dass sie nicht nur im gut ausgerüsteten «Forschungslabor» Schule durchführbar sind, sondern ebenso zu Hause im Kinderzimmer oder eben am Küchentisch. Wie in allen neuen NMM-Lehrmitteln findet sich am Anfang des Themenheftes eine Art Landkarte, die Lehrerinnen und Lehrern - und natürlich auch den Kindern - als Orientierung dient, als Rück-, Überund Ausblick gewissermassen. Lehrerinnen und Lehrer, betonen die beiden Autoren, könnten sich «einen Parcours» legen, eine «Marschroute» durch die an Phänomenen reiche «Lernlandschaft», und weil jedes Kapitel in sich abgeschlossen sei, könnten sie selber bestimmen, welches Thema sie wann zu behandeln wünschten. Mit einer Einschränkung: Christoph Schwengelers und Urs Wagners Anliegen ist es, die Themenwahl auf das Interesse der Kinder auszurichten. Und darauf, was um die Schule herum gerade geschieht. Schneit es draussen, so wird der Schnee trotz phänomenalem Lehrmittel in der Schulstube wohl vor der Glühlampe oder dem Schattenwurf zu behandeln sein ...
«phänomenal» entstand zwischen 1999 und 2002 und erfuhr während dieser Zeit einige Änderungen. Zum einen waren Wünsche der begleitenden Projektgruppe zu berücksichtigen, zum andern waren es die Schülerinnen und Schüler, die im Rahmen der Erprobungen Änderungen anregten und Vorschläge machten. So fanden sie zum Beispiel, die verwendeten Namen seien zu «alt»; sie wünschten sich aktuellere und lieferten gleich eine Namenliste mit. Und schliesslich war der eine oder andere Sachverhalt trotz angestrebter grösstmöglicher Reduktion noch immer zu kompliziert beschrieben. Die Autoren hatten nach noch einfacheren Modellen, Bildern und Worten zu suchen, ohne dabei in eine fachliche Trivialität abzugleiten. Doch der Mehraufwand hat sich auch in den Augen der beiden Autoren gelohnt. Und die ersten Reaktionen, erwähnen sie nicht ohne (berechtigten) Stolz, seien überaus positiv. «phänomenal» werde als «Mutmacher» aufgenommen, es ermutige Lehrerinnen und Lehrer dazu, sich auf naturwissenschaftliche Themen einzulassen, darauf zu vertrauen, dass dies - namentlich mit dem vorliegenden Lehrmittel - kein unmögliches Unterfangen sei. Vertrauen sollten Lehrpersonen nicht zuletzt ihren Schülerinnen und Schülern: Vieles, was Erwachsene Kindern nicht zutrauten, seien diese zu lernen und zu leisten imstande, betonen Christoph Schwengeler und Urs Wagner - eine Aussage, die im Einklang mit Erkenntnissen der Bildungsforschung steht: Kinder können oftmals mehr und anderes, als die Schule, das Bildungssystem ihnen zuzutrauen gewillt ist. ..
Gelinge es Lehrpersonen, die von Mani Matter so schön besungenen «Hemmige» zu überwinden, sich auf naturwissenschaftliche Phänomene einzulassen und gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern nicht nur auf Entdeckungsreise zu gehen, sondern auch selber mit den Kindern zu lernen, so entdeckten sie ganz gewiss bald die Freude daran, vermeintlich zu schwierige und gewiss mit einem höheren Vorbereitungsaufwand verbundene Themen im Unterricht zu behandeln. Sie entdeckten, so die beiden Autoren, «dass keine Schülerin und kein Schüler zu klein ist, sich naturwissenschaftlichen Phänomenen zu nähern, sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden, sprich: dem Alter und dem Entwicklungsstand entsprechenden Bildern und Worten zu deuten, zu ergründen».