Weg von allem, weg von mir

Von gescheiten Autos und von einem stillgelegten Volvo, mit dem man sich ins Tessin träumen konnte. Versuch einer «Auto-Biografie».

Eines Morgens stand er da: silbergrau, elegant, gescheit. Dass ein Auto gescheit sein kann, erfuhr ich freilich erst später. An diesem Morgen war mir erst klar, vor einem grossen Auto zu stehen. Und ich erkannte, dass auch Onkel Ernst ein Grosser sein musste. Ein junger Mann und ein BMW. Silbern. Zweitürig und schnell. Wie schnell er war, erfuhr ich wenige Tage nach dem ersten Staunen: Auf einer halbwegs geraden Strecke, in der Mitte nur ein unbewachter Bahnübergang, jagte der Onkel seinen BMW der nahen Linkskurve entgegen, bis der Tachometer Tempo 200 anzeigte. Und mir schlecht geworden war.

Einen BMW muss man «ausfahren». Solche Motoren wollen gefordert werden. Sie sind gebaut für schnelle, harte Rennen. Sagte Onkel Ernst. Und sagte auch Werni, mein Kinder­garten- und Schulfreund. Werni nannte eine Vielzahl schneller Auto sein eigen, Spielzeugautos natürlich, und wenn wir das ganze Zimmer mit Strassen aus Lego­steinen auslegten, so bestimmte er, wo die langen, geraden Strecken hinzukommen hatten und wo die Kurven. Er hatte schliesslich die Autos dazu, sie «richtig» zu fahren. Und er hatte den Blick für die richtigen Autos. Unser Schulweg, eigentlich ein sehr kurzer, wurde länger und länger, die Eltern waren machtlos. Mit jedem «richtigen» Auto, das wir neu entdeckten und dem wir auf den Tachometer schauen mussten, dauerte der Heimweg länger. Die Autos zu begutachten, fiel uns nicht schwer: Reichte die Skala des Tachos bis 160, war der Wagen in Ordnung. Konnten wir Zahlen von zweihundert und mehr entziffern, hatten wir unser Traumauto für diesen Tag gewonnen. Oder für die nächsten Monate. Denn die Auswahl an «richtigen» Autos war eher gering, obschon wir den Schulweg gelegentlich etwas verlängerten, um auch benachbarte Strassen nach neuen Entdeckungen zu durchforsten. In unserem Teil des Wohn­quartiers, der rund 60 Wohnungen zählte, waren gerade mal drei Garagen gebaut worden, und wo heute beidseits der Strasse geparkte Autos stehen, waren damals nur auf der einen Strassenseite welche zu finden, in weiten Abständen voneinander abgestellt. Wer ein Auto hatte, war jemand, ganz egal, welchen Beruf er oder sie ausübte.

Werni war kein guter Schüler. Aber sein Vater hatte ein Auto. Also war Werni jemand, in der Schule wie im Quartier. Hätte er auch noch ein Rollbrett besessen, wäre seine Berühmtheit und Beliebtheit wohl unerreicht geblieben. Mir blieb ein Rollbrett verwehrt, und mein Vater hatte lange Zeit kein Auto. Erst lange nach Wernis Vaters erwarb er den VW Käfer unseres Hauswartes. Gebraucht. 16 Jahre alt. Und ohne Verstand. Regnete es, war der Wagen eigentlich fahr­untüchtig. Jedenfalls hatten wir die Fahrt oft zu unterbrechen und das Auto mit grossen Schwämmen trocken zu legen. Und weil der Scheiben­wischer selbst im schnellsten Gang dem Regen nicht zu trotzen vermochte, hatten wir die Windschutzscheibe vor der Abfahrt mit halbierten Äpfeln einzureiben. Das, hatte jemand meinem Vater geraten, stosse den Regen ab. Onkel Ernst in seinem gescheiten BMW ging es besser: Sein Auto merkte sich jeden Wassertropfen. Regnete es schwach, so strichen die Wischblätter nur jede halbe Minute über die Windschutzscheibe – immer dann, wenn sie nass geworden war. Heute verfügt jedes neue Auto über einen Intervallschalter, der die Wischblätter nur alle zwanzig Sekunden bewegt; mir war das damals nicht bekannt, für mich war das Intelligenz: Onkel Ernst hatte ein Auto das denkt, das spürt – und handelt.

Unser VW-Käfer war alt. Und mochte nicht mehr lange älter werden. Vater übernahm erneut den gebrauchten Wagen des Hauswarts. Er war zwar noch immer nicht gescheiter als der Käfer, aber immerhin wasserdicht. Neuer und wertvoller. Zu wertvoll, um nachts im Freien stehen zu müssen. Wer sein Auto pflegt, wird sich mein Vater gesagt haben, gibt ihm ein Dach über dem Kopf; er liess sich auf die Warteliste für einen Einstellplatz in einer Tiefgarage setzen. Nach einem Jahr war uns ein Platz zugeteilt worden, und wir hatten von nun an einen zwanzig Minuten dauernden Fussmarsch zu bewältigen, ehe wir abfahren oder müde ins Bett sinken konnten. Das war zwar oftmals ärgerlich, aber wir konnten den Fussmarsch mit dem Gang zum Tiefgefrierfach verbinden: Ein solches hatten wir nicht in unserem Kühlschrank, sondern in der Nähe des Auto­ein­stell­platzes, in einer grossen Tiefgefrieranlage – 20 Fussminuten von den Koch­platten entfernt.

Dieser wohlbehütete Wagen, ein oranger Toyota Corolla Coupé, interessierte mich nicht. «Mein» Auto war ein grüner Landrover, ein Zweiplätzer mit Ladebrücke. Den gleichen Landrover, glaube ich, den auch Daktari gefahren hatte, der Star einer Fernsehserie, die im Dschungel spielte. Auch der Range Rover, das Jahre später produzierte Luxusmodell – ein Geländewagen für die Stadt – gefiel mir. Nachdem das Spielzeug­modell aber bereits am Weihnachtsabend kaputt gegangen war, blieb ich beim robusten Landrover, und vielleicht entdeckte ich damals eine Vorliebe für alte, klapprige Autos.

Wenig später jedenfalls war ich stolzer Besitzer eines solchen. Keines Spiel­zeugautos, sondern eines echten, grossen Volvos. Ein alter, gelber, verbleichter und rostiger Kastenwagen war es, der unbenutzt auf dem Bauernhof meines Grossvaters herumstand. Überhaupt nicht schnell und schon gar nicht gescheit. Dafür aber fast ein Landrover. Monatelang war ich um das Auto herumgeschlichen, bis ich eines Tages nicht mehr anders konnte, als mich ans Steuer zu setzen, die Pedalen zu treten, den Schalthebel zu bedienen. Die Scheiben­wischer. Das ging wochenlang so, dauerte vielleicht Monate. Bis ich an einem Samstagnachmittag dabei erwischt wurde. Von Gross­vater, dem der Volvo gehörte. Er hiess mich ihm zu folgen, bis hinauf in seine Kammer, die sonst eigentlich niemand betreten durfte, und überreichte mir feierlich die Schlüssel seines alten Autos. Der Volvo, sagte er, gehört ab heute dir allein.

So besass ich lange vor meinem Vater mein erstes Auto, und ich war schneller als Werni und alle anderen Angeber in der Schule zusammen. Ich hatte meinen Volvo, einen richtigen, und ich konnte ihn sogar fahren. Zumindest stellte ich mir das vor, wenn Grossvater mit seinem Bruder hinten auf der Rückbank sassen und sich von mir geduldig zwei Stunden lang «ins Tessin» fahren liessen – auf dem Scheunen­­­platz bei dreissig Grad Hitze. Bisweilen fuhr auch meine Schwester mit, auf dem Nebensitz «natürlich». Darüber lachen wir noch heute – weil es so selbstverständlich war, dass ich fuhr und nicht die ältere Schwester (die noch heute lieber als Beifahrerin unterwegs ist). Und weil wir nie ins Tessin gereist waren... Zwei Jahre später stand mein Volvo eines Samstags nicht mehr vor der Scheune. Man hatte ihn verschrotten lassen. Ohne mich zu fragen. Als Besitzer. Als Fahrer. Ich hatte kein Auto mehr und wusste nicht, ob ich nun noch jemand wäre, erführe Werni davon…

Womöglich erfuhr er nichts davon, denn wenig später zogen wir aufs Land. Und pendelten schon bald in einem grösseren Wagen zu den Grosseltern ins Toggenburg: Meine Mutter und ich hatten den Kauf eines Kombis erkämpft. Trotz langem Studium von Autopro­spekten – ob ich sie selbst bestellt hatte, weiss ich nicht mehr –, trotz all meiner Bitten, Vater möge doch endlich einen VW Passat kaufen, der habe so soundsoviel PS, sei viel schöner und überhaupt kein Japaner – trotz alledem schaffte uns Vater erneut einen Toyota Corolla an. Immerhin war der etwas grösser und bot mir, meiner Schwester und unserem ziemlich grossen Hund etwas mehr Platz. Und Luft. Letztere war offenbar immer wieder einmal ziemlich knapp, denn mir wurde während der Fahrt meistens schlecht. Dagegen wurden in der Nachbarschaft Rezepte angeboten: Gummibänder zum Beispiel, die unter dem Wagen zu befestigen waren, am Boden nachschleiften und das Auto hätten «erden» sollen, oder ein Bund Petersilie, den ich auf längeren Fahrten um den Hals tragen musste, direkt auf der Haut. Schlecht wurde mir freilich immer noch, das änderte sich erst, als sich Vater abgewöhnte, ständig einen Stumpen im Mund zu haben und während der Fahrt zu rauchen.

Autos werden älter, Menschen auch: sie ändern ihre Gewohnheiten und Ansichten. Mein Vater, der lange Jahre nur gebrauchte und anfänglich auch ziemlich alte Wagen kaufte, erwirbt heute alle paar Jahre ein neues Auto. Alle sind sie unendlich viel „gescheiter“ als unser alter VW-Käfer. Und enorm viel teurer. Drei neue VW-Passats haben inzwischen bereits vor dem Haus meiner Eltern gestanden, heute ist dort ein halbjähriger Ford Focus zu bewundern. Mich interessierte schon der erste Passat nicht mehr: Jenes Auto, das ich von meinem Vater immer gerne gekauft gesehen hätte, stand just dann vor unserem Haus, als ich 17 war, als vom Waldsterben die Rede war, vom sauren Regen und davon, man dürfe nun nicht mehr nach Lust und Laune Auto fahren. So wurde ich ein zusehends schärferer Autogegner und beschloss, niemals ein Auto zu fahren.

Eine Überzeugung, die einige Jahre später bald im Widerspruch stand mit meinem Wunsch, bei einer Zeitung zu arbeiten. Dort wurde mir zwar eine Stelle angeboten, dies geschah freilich unter der Bedingung, einen Fahrausweis und auch ein eigenes Fahrzeug zu besitzen. Was nun: «Traumberuf» Journalist oder guter «Grüner», der nicht Auto fährt? Meine Wahl lag dazwischen: Ich kaufte mir eine Vespa, löste den Lernfahrausweis für diese – und erhielt kurz danach eine Stelle bei einer weit besseren Zeitung. Ohne Bedin­gungen, ich hätte weiterhin «grün» bleiben können. Gleichwohl verkaufte ich die Vespa nicht, sie bot mir Freiheiten, die ich zu schätzen begann: Erst dann nach Hause zu fahren, wenn die letzten Busse längst gefahren waren und wenn ich selber Lust hatte, aufzubrechen, oder Termine zu vereinbaren, die sich ohne eigenes Fahrzeug unmöglich in so kurzer Zeit hätten wahrnehmen lassen.

Gar nicht «grün» war ich schliesslich auch in meinen ersten Ferien ohne Eltern: Ich fuhr mit einem Freund nach Korsika, wo er darauf bestand, ein kleines Auto zu mieten. Wir erhielten, weil zu jung, bloss eine Art offenen Mini, eine kleine französische Blechbüchse ohne Dach. Sie erinnerte mich an Daktaris Land-Rover. Und mit dieser durch die korsischen Berge zu kurven, das war wunderbar: Vor uns die schmale, sich am Horizont im Nichts verlierende Strasse, neben uns Olivenhaine, schroffe Felsen, korsische Wildnis. Nirgendwo die Eltern, die Arbeit, die Schweiz. Und am Steuer, ohne Fahrausweis: nicht selten ich. Zwar zerstörten wir mit unserem Auto bestimmt ebendiese schöne Natur. Sagte der «Grüne» in mir. Doch darum kümmerten wir uns nicht. Wir genossen die Freiheit, die Geschwindigkeit auch. Schlecht wurde mir dabei nie, und das lag nicht nur daran, dass mein Freund keine Stumpen rauchte (deren Rauch sich im offenen Wagen ohnehin verflüchtigt hätte). Inzwischen hat mir ein erfahrener und schneller Autofahrer verraten, dass der Geschwindigkeitsrausch gar nicht so sehr vom Tempo abhängt: Je schmaler die Straße, sagt er, und je lauter der Motor, desto rascher stelle sich eine Art Rausch ein. Selbst bei Tempo 60.

Nach meinem Korsika-Urlaub blieb ich noch einige Jahre autofrei, dann lernte ich fahren. Zum einen waren es berufliche Gründe, die mich dazu bewegten, zum andern überkam mich immer mehr die Angst, wenn ich mit der Vespa unterwegs war. Denn Vespas sind keine schweren Motorräder, sie werden von Autofahrern als Fahrräder behandelt. Obwohl Vespas in der Stadt und auf Land­strassen genauso so schnell unterwegs sein können wie Autos, wird, wer einen solchen Roller fährt, wenn immer möglich überholt. Bergauf oder in Kurven, bergab oder bei Schnee. Die meisten Autofahrer, so schien es mir, wollten schneller sein. Ihre Fahrzeuge waren breiter, schwerer, schneller; sie selber – als Fahrer – waren breiter, schwerer und schneller. Denn das Auto wird, sitzt man erst einmal drin, zum «Ich». Vielleicht deshalb sagen Men­schen, die auf ihren geparkten Wagen zeigen: «Ich stehe da vorne».

Würde ich so denken, stünde ich heute die meiste Zeit auf einem Bahnhof-Parkplatz im Zürcher Oberland. Wartend. Wie mein klappriges Auto. Denn unterwegs bin ich seit Jahren in erster Linie mit der Bahn: Ich pendle täglich vom Zürcher Oberland nach Bern, wo sich mein Büro befindet, und es würde mir nicht im Traum einfallen, diesen Weg mit dem Auto unter die Räder zu nehmen. Das Auto benötige ich nur für die Fahrt zum Bahnhof und zu Orten, wo mich der Zug nicht innert nützlicher Frist hin bringt. Immer wieder geschieht es mir auf solchen Fahrten aber, dass ich glaube, neben mir zu sitzen, mich zu beobachten: Ich sehe einen erwachsenen Mann – als Kinder hätten wir gesagt: einen «Grossen» –, der irgendwohin fährt. Nicht, weil ihm das die Eltern gesagt haben, sondern weil er es selber will. Ich fühle mich frei, obschon ich ja für die Arbeit unterwegs bin, und mir fällt ein, dass ich ein einziges Mal mit meinem Vater allein unterwegs war: Wir fuhren mit einem Ersatzauto, das viel schneller war als unser alter Toyota, ins Toggenburg, um dem Grossvater bei der Heuernte behilflich zu sein. Und mein Vater, der sonst gemütliche Stumpenraucher, fuhr auf der Autobahn 160. Nur 40 Kilometer pro Stunde weniger schnell als der «grosse» Onkel Ernst. Wir waren «frei». Mein Vater und ich, wir beide unterwegs. Allein. Und schnell. Ich glaube, ich war damals stolz auf meinen Vater. Und vielleicht bin ich, wenn ich neben mir im Auto sitze, deswegen ein bisschen stolz auf denjenigen, der am Steuer sitzt: Auf mich. Ich fahre Auto, also bin ich «gross».

Solche Erlebnisse bestätigen den Autofahrer im Alltag, die grosse Freiheit lockt in den Ferien: Auf Reisen bin ich liebend gerne mit einem Auto unterwegs, am liebsten mit dem eigenen. In Paris um eine Ecke zu biegen und am anderen Strassenrand den eigenen Wagen zu sehen, das ist, als sähe man in der Fremde seine eigene Wohnung aufgestellt: Zwei Schritte, und ich bin zu Hause. Zwei Schritte, und ich habe meine CDs zur Hand, die Bücher, den Notizblock, den Schal. Kaum ist der Motor angelassen, geht es dann weiter in die Freiheit. Auf schmalen Strassen am liebsten, vor weitem Horizont. Und mit dem Traum vor Augen, weiter und immer weiter fahren zu können. Fort von allem. Fort von mir. 

Iwan Raschle