Wie lange dauert die Gegenwart, wie lange ein Augenblick? Hätte ich vor vielen Jahren meine Mutter danach gefragt, ihre Antwort wäre klar ausgefallen: zu lange, und sie hätte dies gesagt, weil ich stets einen Augenblick herauszuschinden versuchte, einen Augenblick und noch einen und noch einen, bevor ich mich aufmachte, im Keller Kartoffeln zu holen, den Tisch zu decken, meine Pflicht zu erfüllen. Doch was, hätte ich die Antwort meiner Mutter kommentiert, was verstehen Mütter von der Länge des Augenblicks, von der Unmöglichkeit, ein Spiel zu unterbrechen, einen Traum. Wenn ich darin eine Prinzessin küssen kann oder muss, um sie zu retten, darf dann das Mittagessen exakt um zwölf Uhr wichtiger sein?
Wie lange dauert die Gegenwart, wie lange ein Augenblick? Exakt – oder vielmehr: längstens – drei Sekunden. Das lehrte mich heute früh die Zeitung. Den Beweis zu dieser These liefert die medizinische Psychologie: Länger als drei Sekunden, heisst es, vermöge der Mensch einzelne Impulse wie Ton- oder Lichtsignale nicht als Einheit wahrzunehmen, er müsse sie deshalb künstlich ergänzen oder korrigieren. Drei Sekunden bloss, dann beginnen wir uns bereits zu erinnern, drei Sekunden nur, und schon beginnt die Zukunft.
Doch was, frage ich mich, weiss die medizinische Psychologie über die Zeit, über das Zeitempfinden, das Empfinden überhaupt, und da fällt mir ein, bisweilen eine Zahl, 328 etwa oder 412, angegeben zu haben, um einer Frau zu sagen, wie sehr ich sie liebte. Das hiess: ich liebte sie sehr und manche liebte ich sehr sehr, sagt mir die Erinnerung, denn die Anzeige des Messgerätes reichte stets nur bis 100, und Spitzenwerte von 400 und mehr wurden selten, aber sie wurden erreicht. Das ist und war lächerlich, ich weiss, und wir lachten auch über diese Zahlen, wir lachten über das Messenwollen und Beweisenwollen des Satzes: ich liebe dich; doch manchmal liebten wir mehr, als wir drei Tage zuvor geliebt hatten, und dieser Mehr an Liebe, das versuchten wir, das versuchte ich der Geliebten mitzuteilen. Hilflos, gewiss, hilflos, wie die Wissenschaft zu beweisen versucht, ein Augenblick sei kurz; und sinnlos, weil Liebe nicht zu beweisen ist und in ihrer Intensität ebensowenig messbar wie ein Augenblick. Wahrscheinlich lässt sich selbst deren Dauer nicht wirklich messen, obschon überall und immer wieder entsprechende Jubiläen gefeiert werden. Deshalb, um das erste und zweite und dritte Jahr termingerecht feiern zu können, deshalb hatte ich mir als Jugendlicher jeweils das Datum des ersten Kusses notiert, und eine spätere Arbeitskollegin hatte solche Daten sogar dick und öffentlich einsehbar auf ihrem Wandkalender im Büro vermerkt: 30 Wochen Markus, 31 Wochen Markus, zwei Jahre Markus. Die Punktezahlen und die Liebes-Skala freilich waren ihr nicht geläufig, und das, denke ich mir heute, war wohl gut so, denn sie hätte ihre und ihres Freundes Gefühle gewiss ernsthaft zu messen versucht und protokolliert, und sie hätte, wie die Erfolgreichen in der Wirtschaft es tun, ein Mehrundmehr zum Ziel gehabt: die Gewinnmaximierung, das Umsatzwachstum.
Wie sehr lieben wir, wie sehr leben wir; wie lange dauert die Gegenwart, wie lange ein Augenblick. Im Ausland zu sterben, allein in einem Hotelzimmer, ohne seine Freundin und seine Freunde noch einmal sehen zu können, das stelle er sich schrecklich vor, sagte mir jüngst ein Freund. Selbst nach Zufallsbekanntschaften, sagte er, in New York etwa oder London, tausche er mit gewonnenen Freundinnen und Freunden die Adressen aus, «um sich die Endgültigkeit des Abschieds nicht eingestehen zu müssen». Ein anderer Freund hingegen erzählte mir von seinem Bestreben, «abschiedlicher» zu leben. Freunde ziehen zu lassen, Orte zurückzulassen, Augenblicke auch, schöne.
Wir seien nicht mehr in der Lage, erinnere ich mich, vor einiger Zeit irgendwo gelesen zu haben, wir seien nicht mehr fähig, Langeweile zu ertragen. Fünfzehn Minuten auf den nächsten Bus zu warten, ohne mit den Fingern auf dem Mülleimer herumzutrommeln, ohne uns stets zu sagen: Bus verpasst, Langeweile, Leerzeit, das könnten wir nicht mehr.
Heute, als das Tram stillstand, weil ein Bagger die Fahrleitung heruntergerissen hatte, heute blieb ich ganz einfach sitzen, als einziger. Ich versuchte die Langeweile zu ertragen, bis das Tram weiterfuhr. Es waren 1200 Augenblicke zu drei Sekunden, es war: Leerzeit, Zwischenzeit, Zwischenraumzeit. Es war eine schöne Zeit; etwa 290 schön, vermute ich, vielleicht auch 310.
Iwan Raschle, Kolumne in «Luzern heute»